Liebesbrief an Chios

Geliebtes Chios,

jetzt, wo ich Dich wieder verlasse, denke ich wehmütig an die erlebnisreichen Momente zurück, die Du mir beschert hast. Sofort schwirren viele eindrucksvolle Erinnerungen durch meinen Kopf – Du bist definitiv eine Insel, wie keine andere.

Eigentlich suchte ich nur etwas Erholung und Abstand zum Alltag, wollte ‘mal eine Woche Auszeit nehmen und fand dann erstaunlich viel mehr.

Die Wanderung zum Kástro Apolíchnon in Armólia hat mir meine körperlichen Grenzen aufgezeigt. Meine schlechte Ausstattung für eine ungeplante Klettertour hinterließ Schrammen und Hämatome. Aber nachdem ich nicht aufgab, kam ich hinauf zur Burgruine und konnte so die Aussicht genießen.

 

Der Abstieg war übrigens ebenso herausfordernd – jeden Stein spürte ich auf meinen Fußsohlen, oft knickte ich um, da meine Turnschuhe nicht knöchelhoch waren. Zusätzlich war meine Kondition zu dieser Zeit nicht gerade die Beste.

Die Wanderung im Malagkitios-Tal von der Kirche Ágios Geórgios weg war zwar ohne Klettern zu bewältigen, jedoch ging ich berauscht durch die Schönheit der Natur 2 km bergab, um dann bei der Kirche Ekklisía Ágios Nikólaos festzustellen, dass ich nun alles wieder bergaufgehen müsste. Die Mittagshitze unterschätze ich ebenso wie die Steigung, so dass der Aufstieg des Öfteren eine kurze Verschnaufpause verlangte. Doch auch hier meisterte ich die Anstrengungen und dies erfüllte mich mit enormer Freude.

Ich besuchte auf Dir unzählige Klöster wie Móni Agíou Mína, Moní Panagías Voítheias oder Néa Moní und obwohl ich schon lange aus der Kirche ausgetreten bin, fühlte ich mich Gott dadurch wieder näher. Die atemberaubende Schönheit der Stätten ließen mich oft nur mit offenem Mund im Eingangsbereich verharren und staunen. Ich bezweifle zwar, dass diese Bauten vonnöten sind, um an eine höhere Macht zu glauben, nichts destotrotz ist ihr Anblick beeindruckend.

Als mich das Navigationssystem des Handys durch so schmale Gassen führte, dass ich einmal fast mit dem Auto steckenblieb, war ich so verzweifelt, dass ich zu weinen begann und am ganzen Körper zitterte. Mit heruntergelassenen Scheiben und angeklappten Spiegeln ließ ich das Auto zentimeterweise nach vor rollen. Ich hatte in diesem Augenblick ziemliche Angst, ich war ganz alleine, weit und breit niemand zu sehen. Nur ich und mein zitternder Körper.

Doch ganz alleine war ich dann wohl doch nicht, irgendjemand oder irgendetwas stand mir bei, führte mich durch die Angst, ließ mich eine weiter Prüfung bestehen, eine neue Hürde überwinden. Für einen kurzen Moment zweifelte ich an der Bereicherung von Menschenleere, von Einsamkeit und Stille. Doch nur einen kurzen Moment.

Denn die andere Zeit über genoss ich das All-ein-sein außerordentlich. Als könnte ein Schalter für Lärm durch Gequassel, Radio oder Straßenlärm einfach umgelegt werden.

Obwohl die Natur selbst ja nicht nur still ist, denn genauso hier gibt es einen nicht zu unterschätzenden Lärmpegel durch Vögel, Grillen oder stürmischen Wind. Doch komischerweise wird das von den wenigsten als unangenehm empfunden. Es wird nicht als Lärm wahrgenommen, sondern als eine harmonische Untermalung, so wie sanfte Hintergrundmusik.

Die unterschiedlichen Landschaften von Dir zeigten mir die Vielfalt des Lebens auf. Während es im Süden und Südwesten weniger windig und sehr grün war, wiesen manche Gegenden des Nordostens eine vollkommene Kargheit auf. Selbst der Wind, der zwar stetig auf Dir vorhanden ist, wehte im Norden deutlich stärker, dass ich trotz der Juni-Sonne eine Jacke anziehen musste.

Ist es nicht bemerkenswert, wie unterschiedlich das Wetter nur 30 km weiter ist?

Was für eine kleine Distanz mit einer so großen Differenz! Die Natur hält so viel Beeindruckendes bereit. Wie oft wir das vergessen oder nicht mehr wahrnehmen.

In Olýmpoi saß ich alleine auf einer Bank und ließ den angenehmen Schatten als auch die alten Mauern des wunderschönen mittelalterlichen Ortes auf mich einwirken. Eine ältere Dame mit Rollator nahm neben mir Platz und wir unterhielten uns ein wenig. Sie fragte unter Anderem, ob ich alleine reiste und sagte „It’s the best to travel alone“. Ja, dem kann ich nur zustimmen.

Die viele Zeit ohne Menschen, die viele Zeit mit mir alleine, die Herausforderungen beim Klettern, Wandern und in den Engen haben sehr viel in mir bewegt. Es hat mir ein verlorengegangenes Urvertrauen zurückgeschenkt, man könnte es fast Gottvertrauen nennen. Und dafür liebes Chios, möchte ich Dir unglaublich danken! Du wirst mir dadurch immer in Erinnerung bleiben, wirst mich ins Schwärmen geraten lassen und mit Freude erfüllen.

Danke vielmals!

In Liebe
Sylvia

P.S.: Hier sieht man den Reise-Blog dazu:
https://www.sylviaundeugenie.com/post/bei-den-chioten

 

=======================English=Version=======================
Love Letter to Chios

Beloved Chios,

now where I’m leaving you, I wistfully remember the eventful moments I earned. Immediately lots of impressive memories get through my head – you are definitively an island like no other.

Actually I was just seeking for recovery and distance of everyday life, I just wanted a week time-out and founded amazingly much more.

The hike to the Kástro Apolíchnon in Armólia showed me my physical limits. My inadequate equipment for the unplanned climbing tour led to scratches and bruises. But I didn’t give up and came to the ruin of the castle and could enjoy the beautiful view.

The descent was challening as well – I felt every stone on the sole of my feet, often I turned my ankles because the shoes haven’t been high enough. Additionally my physical conditions wasn‘t the best at that time.

The hike to the Malagkitios-Valley starting from the church Ágios Geórgios was to manage without climbing but inebriated by the beauty of the nature I walked 1,25 miles downhill and recognised at the church Ekklisía Ágios Nikólaos that I have to walk the route uphill as well. I underestimated the midday heat just as the steep incline which forced me to take a breather. But I also met the challenges and was fullfilled with pleasure.

I visited your countless monasteries like Móni Agíou Mína, Moní Panagías Voítheias or Néa Moní and although my secession from the church is already long ago thereby I felt closer to God again. The breathtaking beauty of those holy sites made me often just stand still and agaping in astonishment. I honestly doubt the necessity of those buildings for believing in a higher power but nonetheless the sight is sensational.

When the navigation system of the mobile phone guided me through such narrow alleyways that nearly the car got stucked, I was so desperated that I started crying and my whole body shivered. With lowered glass panes and side mirrors pushed to the car I slowly inched forward. In that instant I was quite anxious, I was all alone, no one far and wide. Only me and my shivering body.

But I was obviously not all alone, anybody or anything stood by me and guided me through the anxiety, let me bear another examination and overcome a new hurdle. For a short moment I doubted the enrichment of uninhabited parts, of solitude and silence. But only for a very short moment.

Because all the other time I extraordinarily enjoyed the al(l)-one-ness. As a switch for noise due to jabber, radio or traffic noise which could be flicked.

Although nature itself isn‘t only calm because there is a not to be underestimated noise of birds, crickets or blustering wind. Oddly enough the fewest feel embarrassed by that. It’s not noticed as noise but as a cosy accompaniment like ambient music.

Your different landscapes showed me the diversity of life. While it was less windy and jolly green in the South or Southwest, some parts of the Northeast presented pure bleakness. Even your wind blew distinctly stronger that I had to turn on a jacket despite the sun of June.

Isn’t it remarkable how different the weather is only 18 miles far?

What a small distance with such a big difference! Nature has so much impressive. How often we forget or do not recognise.

At Olýmpoi I sat alone on a bench and enjoyed the comfortable shadow and the old walls of the lovely medieval village as an old lady with a wheeled walker set down close to me. We talked a little when she asked if I travel alone and then stated ‘It’s the best to travel alone‘. Yeah, I agree absolutely.

The plenty of time without people, the plenty of time with myself, the challenges on climbing, hiking and in the narrownesses induced so much in me. It seems that the lost basic trust was donated back to me, it could be pronounced as a trust in God. And for that, dear Chios, I’d like to thank you a lot! You’ll be forever in my memories, I‘ll always go into rhapsodies over you and be fullfilled with pleasure.

Thanks a lot!

Yours sincerly
Sylvia

P.S.: Here you can see the Travel-Blog – sorry, only in German:
https://www.sylviaundeugenie.com/post/bei-den-chioten

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